Erfolgsgeschichten dezentralisierter Organisationen gibt es en masse

Meine letzten Blogbeiträge handelten davon, wie man sein Unternehmen Schritt für Schritt in Richtung Selbstorganisation steuern kann. Dies wurde anhand des Haufe-Quadranten entwickelt, den ich um die absolut notwendige Kundendimension erweitert habe. Weitere Beispiele gibt es genug …

Charakteristika dezentralisierter Organisationen

Dezentrale Organisationen sind extrem hierarchieflach, aber nicht führungslos. Die Geschäftsleitung ist Repräsentant nach außen und gibt die großen Ziele vor. Über den Weg dorthin entscheiden die Mitarbeitergruppen selbst.

Dies geschieht in einer Wertewelt aus Partizipation, Vertrauen, Heiterkeit, Transparenz, Eigenverantwortung und Freiwilligkeit. Hierzu richtet man Projektmärkte ein, damit sich jeder dort einbringen kann, wo seine Talente den meisten Nutzen stiften.

Größere Organisationen operieren meist zweigeteilt, weil das die einzelnen Aufgabenstellungen so erfordern. Das heißt: Verschiedene Einheiten sind komplett selbstorganisiert, andere agieren klassisch. Ambidextrie ist das Stichwort dafür.

Im nichtklassischen Teil entstehen dort Schwarmorganisationen, die sich, ohne in Hierarchien eingebunden zu sein, für Themen oder Projekte verknüpfen. So will die Daimler AG 20 Prozent der Belegschaft auf eine Schwarmorganisation umstellen.

Ist dezentrale Selbstorganisation denn erfolgreich?

Sich selbst organisierende Einheiten können beeindruckende Produktivitätssprünge erzielen. Der Autor Jeff Sutherland fand heraus, dass agile Teams dreimal so erfolgreich sind wie andere, die nach herkömmlichen Methoden agieren.

Bei der IT-Verbundgruppe Synaxon verdoppelte sich der Umsatz innerhalb von fünf Jahren, während die Anzahl der Mitarbeiter lediglich von 140 auf 150 stieg.

Morning Star, praktisch ganz und gar führerlos organisiert, ist der wohl produktivste Tomatenverarbeiter der Welt. Das Unternehmen erzielt einen Jahresumsatz von 350 Millionen US-Dollar.

Die sich selbst organisierenden Zwölfer-Teams des niederländischen Rundum-Altenpflegedienstes Buurtzorg, übrigens ein besonders beeindruckendes Beispiel, erzielen eine um 50 Prozent schnellere Gesundungsquote ihrer Patienten gegenüber den üblichen fragmentierten Pflegekonzepten. Hierdurch spart das Gesundheitssystem des Nachbarlandes jährlich etwa zwei Milliarden Euro ein.

Entgegen dem Branchentrend tut sich Haufe-Umantis leicht, IT-Fachkräfte zu finden. Die Mitarbeiterzahl hat sich in den letzten 5 Jahren von 50 auf 150 erhöht. Die Mitarbeiter rühren die Werbetrommel für ihren Arbeitgeber und rekrutieren in ihren eigenen Netzwerken. Über 60 Prozent der neuen Kollegen wurden so eingestellt.

Die Mitarbeiterzahl beim Hotelanbieter Upstalsboom stieg im Zeitraum vor und nach dem Transformationsprozess um 33 Prozent, der Umsatz um 93 Prozent.

Keine Ausreden mehr! Es gibt Erfolgsbeispiele genug

Positive Erfahrungsberichte von Neuorganisierern gibt es mittlerweile aus kleinen, mittleren und großen Organisationen in vielen Ländern und Branchen. Hier ein paar Beispiele in alphabethischer Reihenfolge (Hintergründe dazu in Fit für die Next Economy):

  • der deutsche Ladesystemhersteller Allsafe Jungfalk
  • der niederländische Altenpflegedienst Buurtzorg
  • die venezolanische Kooperative Cecosesola
  • der US-Funktionstextilhersteller W. L. Gore & Associates
  • der österreichische Maschinenbauer Hammerschmid
  • der schwäbische Bandsägenhersteller Hema
  • das Berliner Jungunternehmen Dark Horse Innovation
  • der französische Metallverarbeiter FAVI
  • der chinesische Haushaltsgerätehersteller Haier
  • die Augsburger Textilfabrik Manomama
  • der kalifornische Konservenhersteller Morning Star
  • die norwegische Damenoberbekleidungsfirma Oleana
  • das dirigentenlose Orpheus Chamber Orchestra
  • das Aachener IT-Unternehmen Osthus GmbH
  • der kalifornische Outdooranbieter Patagonia
  • der brasilianische Mischgroßkonzern Semco
  • der Düsseldorfer Telefonie-Anbieter Sipgate
  • der schwedische Musikstreamingdienst Spotify
  • das schwedische Finanzinstitut Svenska Handelsbanken
  • der Wiener Steuergeräte-Anbieter Tele Haase
  • das Düsseldorfer Hotelsuchportal Trivago
  • der Touristikanbieter Traum-Ferienwohnungen GmbH
  • die deutsche Hotelgesellschaft Upstalsboom
  • der US-amerikanische Spieleentwickler Valve Corporation
  • die texanische Biosupermarktkette Whole Foods Market
  • der US-amerikanische Online-Versandhändler Zappos
  • u. v. a. m.

Wo Sie mehr über solche Erfolgsgeschichten erfahren

Zu einigen dieser Erfolgsbeispiele sind ganze Bücher erschienen, unter anderem von Arnold Hermann (Wir sind Chef), Detlef Lohmann (… und mittags geh ich heim), Sina Trinkwalder (Wunder muss man selber machen), Bodo Janssen (Die stille Revolution), Torsten Osthus (Chefsache Empowerment) und Dark Horse Innovation (Thank God it’s Monday).

Über einige Beispiele lesen Sie mehr in den sehr empfehlenswerten Büchern von

Darüber hinaus gibt es auf changeX, der Online-Plattform für die neue Wirtschaft, unter dem Titel „Die Andersmacher“ eine Beitragsserie über Organisationen, die neue Formen der Unternehmensführung haben.

Literatur, in denen Sie weitere Erfolgsbeispiele finden

Andreas Zeuch hat in „Alle Macht für Niemand“ aus dem Jahr 2015 eine Reihe von Beispielen für demokratische Unternehmen zusammengetragen, unter anderem: die Volksbank Heilbronn, die Hoppmann Autowelt, Haufe-Umantis, die Farbenwerke Wunsiedel, Upstalsboom, ThyssenKrupp Rasselstein. Zudem stellt er Maßnahmen und Werkzeuge vor, die helfen können, Unternehmensdemokratie Schritt für Schritt umzusetzen.

Ebenfalls höchst empfehlenswert finde ich das 2017 erschienene Buch „Innovationskultur der Zukunft“ des Innovationsberaters Florian Rustler. Er beschreibt die Reise seines eigenen Unternehmens Creaffective in die Selbstorganisation und erläutert Hintergründe, Maßnahmen und Stolpersteine auf dem Weg dorthin.

Zudem stellt er 12 Firmen vor, die über Selbstorganisation eine fruchtbare Innovationskultur schaffen konnten: der Technologiehersteller Arca, der Versicherungsverwalter Financefox, der Textilhersteller Gore-Tex, der polnische Softwareentwickler Lunar Logic, der Flugzeugzulieferer Matt Back Systems, die IT-Firma Mayflower, die Berliner Gründungsschmiede Partake, die niederländische Softwarefirma Spindle, das Vergleichsportal Springest, eine selbstorganisierte Einheit der Swisscom, Tele Haase aus Wien und VSE, ein Voice Systems Engineerer aus den USA. Der Autor zeigt auch, was man aus diesen Beispielen lernen kann.

Wer mehr darüber erfahren will, wie man zu einem agilen Unternehmen wird, wie man sich mithilfe von Tools wie Scrum & Co. Vorsprünge verschafft und zugleich die Selbstorganisation installiert, der wird im Herausgeberbuch „Agile Organisationen“ von André Häusling fündig. Unternehmensvertreter aus folgenden Firmen beschreiben darin ihr Vorgehen ausführlich: die TUI, Ista, die PTV Group, Mcs Promotion, die Otto Group, Xing, Seibert Media, 1&1, Sipgate, Moovel, die AOE GmbH, REWE Digital, DB Vertrieb und Yello Strom.

Und, ja, sorry, wenn ich hier ein wichtiges Buch zum Thema vergessen haben sollte – oder ein spannendes Unternehmensbeispiel nicht genannt habe, es gibt sicher hunderte mehr. Gebt gerne Tipps im Kommentarfeld.

Dieser Beitrag nimmt an der Blogparade #Organisationsrebellen teil.

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