In ihrem neuen Bestseller „Green Crime“ geht Julia Shaw der Frage nach, was Umweltverbrecher antreibt und wie man sie aufhält. Die Autorin wurde 1987 in Köln geboren und ist in Kanada aufgewachsen. Sie ist Kriminologin und forscht als promovierte Rechtspsychologin am University College London. Außerdem arbeitet sie als True-Crime-Expertin für zahlreiche TV-Produktionen.
Sie ist eine brillante Erzählerin. Investigativ deckt sie Hintergründe und Auswirkungen auf. Sie interviewt engagierte Insider und kommt so an brisantes Detailwissen heran. Sie nennt Ross und Reiter. Sie berichtet davon, wie Umweltaktivisten, Journalisten und Wissenschaftler die fortlaufende Umweltzerstörung sichtbar machen und sich trotz vielfältiger Drohungen nicht zum Schweigen bringen lassen.
Der Begriff Ökozid gewinnt an Bedeutung
Green Crime, ein Begriff, der vor allem von Sozialwissenschaftlern benutzt wird, ist ein Synonym für Umweltkriminalität. „Etwas als Verbrechen zu benennen und entsprechend zu bestrafen, stellt Umweltvergehen auch psychologisch auf die gleiche Ebene wie andere schwere Delikte“, schreibt die Autorin.
Inzwischen wird die Missachtung von Umweltgesetzen nicht länger nur mit hohen Geldstrafen geahndet, die das Unternehmen trägt. Trotz langjähriger Rechtsstreits und mühevoller Recherchen geben die Gerichte nicht nach. Die verantwortlichen Manager werden persönlich belangt und mit Gefängnis bestraft.
Die psychologischen Faktoren für Green Crime
Von denen, die die Umwelt zerstören, erstellt Shaw Täterprofile und teilt sie im Buch mit dem Leser, um ihr kriminelles Denken zu verstehen. Sie hat sechs psychologische Faktoren herauskristallisiert, die Umweltkriminelle antreiben:
- Bequemlichkeit: Menschen neigen dazu, den Weg des geringsten Widerstands zu wählen und jahrelangen Routinen zu folgen.
- Straffreiheit: Straftaten werden aus der Überzeugung heraus begangen, dass man für umweltschädliches Handeln nicht zur Rechenschaft gezogen wird.
- Gier: Menschen sind bereit, Allgemeingut zu opfern und Tote in Kauf zu nehmen, um sich persönlich zu bereichern.
- Rationalisierung: Menschen erzählen sich selbst Geschichten, um ihr Handeln vor sich und anderen zu rechtfertigen, und es harmloser wirken zu lassen, als es ist.
- Konformität: Gruppendruck und soziale Erwünschtheit prägen Normen, denen man sich oft kaum entziehen kann, um dazuzugehören.
- Verzweiflung: Menschen sehen in ihrem umweltfrevlerischen Tun den einzigen Ausweg aus ihrer prekären Situation.
Überall auf der Welt treten Menschen die Umwelt mit Füßen. Doch immer öfter wird das konsequent aufgedeckt und systematisch geahndet.
Profiling hautnah: Den Tätern auf der Spur
Anhand von sechs Mega-Fällen hat Julia Shaw die vielfältigen Facetten großer Umweltverbrechen beleuchtet:
- Die Lügner: Darin geht es um den Abgasbetrug in den USA und wie Täter sich ihre Umweltverbrechen schönreden.
- Die Mörder: Darin geht es um Tote im Amazonas-Dschungel und die Frage, ob die Natur eigene Rechte braucht.
- Die Schwarzhändler: Darin geht es um Wildererbanden in Südostafrika und ihre grausamen Taten in chinesischem Auftrag.
- Die Gesetzlosen: Darin geht es um illegale Fischerei in der Antarktis und wie wir uns verhalten, wenn niemand hinsieht.
- Die Diebe: Darin geht es um die katastrophale Situation illegaler Goldschürfer und wie Umweltverbrechen verzerrt werden.
- Die Fahrlässigen: Darin geht es um die Ölpest im Golf von Mexiko und warum es so schwer ist, unser Verhalten zu ändern.
Im Amazonasgebiet werden indigene Umweltschützer und in Südostafrika Wildhüter als Profithindernis angesehen und eiskalt aus dem Weg geräumt. Jeder fünfte Fisch stammt aus illegaler Hochseefischerei. Wie das läuft, deckt Julia auf. Der Murks auf der Deep Horizon, der mit Lügengebäuden vertuscht werden sollte … Ich will hier nicht mehr verraten, nur eins: Die Kriminologin hat Paradefälle gefunden.
Dieselgate: Nicht Affaire, sondern Verbrechen
Aus deutscher Sicht dürften ihre Ausführungen zum VW-Abgasbetrug in den USA sehr erhellend sein. Unsere Medien nannten das ja verharmlosend Abgas-Affaire oder Abgas-Skandal. Ein Skandal ist kein Verbrechen. Und eine Affaire ist vielleicht Betrug, aber nicht strafbar. Doch Dieselgate war ein Verbrechen, wie verschiedene Gerichte zwischenzeitlich befanden. Neben exorbitant hohen Geldstrafen wurden auch Haftstrafen verhängt.
„Hier haben Menschen Lügen mit weiteren Lügen überdeckt und sich schließlich entschieden, noch mehr zu lügen. Warum haben so viele Mitarbeiter mitgemacht und warum sind sie zum Wohle des Unternehmens sogar das Risiko eingegangen, ins Gefängnis zu müssen? Und wie konnte es dazu kommen, dass all diese klugen Ingenieure ihre Intelligenz dazu missbraucht haben, der Erde zu schaden, anstatt sie zu schützen?“, fragt die Autorin, sicher stellvertretend für viele.
Warum begehen Menschen Green Crimes?
War das Dienst nach Vorschrift? Oder blinder Gehorsam? Oder wurde es als Lappalie betrachtet, was bei Umweltfrevel ja leider häufig passiert? Die Autorin klärt auf: Dahinter stecke der Wunsch, seinem Job gut zu machen, den Managern und Kollegen zu gefallen und im Wettbewerb der Bessere zu sein. Dieses psychologische Phänomen wird „unethisches pro-organisatorisches Verhalten“ genannt.
Zudem gab es eine weitere Antriebskraft, schreibt die Autorin, nämlich das ungeschriebene Gesetz, niemals zuzugeben, dass man etwas nicht kann. So hart das hier klingen mag, ich denke, wir können viel daraus lernen.
Bei Umwelt- und Klimaverbrechen sprechen Kriminologen von langsamer Gewalt, weil die Schäden meist erst nach Jahren oder gar nach Jahrzehnten sichtbar werden, inklusive wissentlich einkalkuliertem Massenmord durch Umweltverschmutzung, Klimakatastrophen und Hitzetod. Solche Verbrechen werden von langer Hand geplant und vorbereitet, die Verantwortlichen wissen also ganz genau, was sie da tut.
Vor allem: Wir dürfen nicht länger schweigen
Green Crimes werden vielfach noch immer als „Kavaliersdelikt“ abgetan. So gehen die meisten Umweltkriminellen davon aus, niemals erwischt zu werden. Und auch dieses Phänomen hat einen Namen. Es ist die „Illusion der Unverwundbarkeit“. Entscheidend ist insofern auch nicht die Härte der Strafe, sondern vor allem die Wahrscheinlichkeit, entdeckt und öffentlich an den Pranger gestellt zu werden.
Final gibt es einen weiteren Aspekt, wodurch die schlimmsten Dinge passieren: Es ist das Schweigen der Beteiligten und all derer, die intendiert wegsehen, ohne etwas zu tun: Menschen, die Anweisungen willenlos befolgen, feige den Kopf einziehen und sich einreden, alles wäre halb so schlimm. Menschen, die Umweltverbrechen als harmlos herunterspielen und mit nichts etwas zu tun haben wollen.
Die fortschreitende Erderwärmung und häufigere Wetterextreme führen weltweit und auch in Deutschland zu immer höheren Schäden an Privat- und Firmeneigentum, an der Infrastruktur und in der Landwirtschaft. Und je stärker der Temperaturanstieg, desto höher sind zugleich die Kosten, die die Allgemeinheit tragen muss.
Wie lange will sich die Weltgemeinschaft das noch gefallen lassen? Wann verlassen wir endlich Angst und Ignoranz und werden konstruktiv wütend. Die Jas zu Klima- und Umweltschutz sind noch immer zu leise, die Neins jedoch gerade derzeit viel zu laut.