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Übermorgengestalter: wie die Joker in einem Kartenspiel

„Am Ende wird die Zukunft so sein, wie wir sie heute gestalten,“ sagt Amy Webb. Und sie muss es wissen. Sie zählt zu den bedeutendsten Futurologen weltweit. Was wir heute tun oder lassen entscheidet darüber, wie es uns künftig ergeht. Was geht denn schon mal? sollte unser Grundmodus sein. Für den, der so an die Zukunft herantritt, bietet sie schier unendlich viele Gelegenheiten, beim Sprung in die neue Zeit weit vorne zu sein.

Doch viele Unternehmen plagt kognitive Zukunftskurzsichtigkeit. Für sie klingt Zukunft nach irgendwann. „Dafür haben wir grad keine Zeit“, heißt es zum Beispiel, „das nächste Quartal steht vor der Tür, und die Zukunft läuft uns ja nicht davon.“ Besser wäre es wohl, Bedrohungen zu erkennen, wenn sie noch klein sind, und Chancen zu nutzen, solange sie groß und von anderen noch nicht entdeckt worden sind.

Der Erfolg von gestern sagt rein gar nichts über den Erfolg von morgen. Und „später“ ist in Hochgeschwindigkeitszeiten sehr schnell „zu spät“. Nur durch ständiges, wildes, kühnes Weiterdenken und Menschen, die das sehr gut können, gelingen einem Unternehmen die nötigen Innovationen. Zwangsläufig muss und wird es neue Formen des Wirtschaftens geben. Die alten haben eine erschöpfte Umwelt und erschöpfte Menschen hinterlassen.

Wer sind denn die, die uns in die Zukunft führen?

„Für Zukunftsdinge haben wir eine Innovation Unit“, höre ich oft. „Das macht man eben so.“ Eben nicht! Innovationsgeist darf man nicht isolieren, nicht in eine Abteilung sperren und nicht eng kontrollieren. Innovationsgeist muss fliegen. Fortwährende, iterative Wandlungsprozesse müssen aus der Mitte der Unternehmen heraus entstehen: interdisziplinär, crosshierarchisch, generationsübergreifend, kollaborativ und im „Wir“.

In einer hypervernetzten Welt ist niemand mehr eine Insel. Und Silodenke ist obsolet. Fortan arbeiten wir in komplett vernetzten Arbeitsumfeldern. Dafür brauchen wir Mitarbeitende, die multiperspektivisch denken und kombinatorisch handeln, sich ständig weiterentwickeln und, aufbauend auf einem breiten Wissensfundament, Zusammenhänge verstehen. um für die sich ständig wandelnde Zukunft gerüstet zu sein.

Im ersten Schritt gilt es also, zu verstehen, welcher Mitarbeiter-Typ uns in die Zukunft hilft, um für sie die passenden organisationalen Rahmenbedingungen zu schaffen. Ziel ist, dass diese gern kommen, gern bleiben und möglichst rasch ihr Bestes geben können, wollen – und, das ist oft der entscheidende Knackpunkt, auch tatsächlich dürfen. Für sie brauchen wir Denkräume, Spielwiesen und freie Bahn, damit das Neue entsteht.

Allem voran: Frischzellenkur und Digitalexpertise

Geht es um Fortschritt, stehen die talentierten Vertreter:innen der jungen Generation aus meiner Sicht an vorderster Stelle. Als Zukunftsmacher sind sie geradezu prädestiniert. Denn es ist ihre Zukunft, in die wir uns hineinbewegen. Sie leben anders, sie arbeiten anders, sie lernen anders, sie konsumieren auch anders. Mit ständiger Veränderung umzugehen, ist für sie völlig normal.

KI-Kompetenz und digitale Transformation? Da reiben sich junge Menschen verwundert die Augen. Was sollen sie da transformieren? In einem digital transformierten Kosmos leben sie längst. In einem konkreten Fall implementierte die junge Entwicklerin innerhalb einer Woche eine hocheffiziente KI-Lösung für die Logistik. Ohne ihre Initiative wäre diese Chance ungenutzt geblieben.

Im Gegensatz dazu diskutiert das Management eines tradierten deutschen Industriekonzerns drei Quartale lang, ob es überhaupt Sinn macht, KI bei speziellen Logistik-Prozessen einzusetzen. Dort versackt alles in vergreisten Vorgehensweisen. Die heute so dringend benötigten Innovationen sind bei solchem Schneckentempo unerreichbar. Wer die schnellsten guten Entscheidungen trifft, macht das Rennen.

Übermorgengestalter:innen und „Joker“ als Helfer

Wenn es um die Zukunft geht, stechen Vorwärtsdenker, Andersmacher, Pioniere und Innovatoren besonders heraus. „Jedes Team braucht eine oder einen, die/der das Kapperl verkehrt herum aufhat“, bekräftig Helmut Traxler, Vorstand der internationalen Transportorganisation LKW Walter. Bei Netflix spricht man von der „Suche nach der abweichenden Meinung“. Bei IBM nennt man sie „Wild Ducks“.

Ich nenne sie Joker. Ihre Funktion ähnelt der eines Hofnarren in den Herrscherhäusern früherer Zeiten. Sein buntes Auftreten erlaubte es ihm, bestehende Verhältnisse ungestraft aufs Korn zu nehmen. Dort, wo es vor Ja-Sagern, Einschleimern und Intriganten nur so wimmelte, nutzten kluge Herrscher den Hofnarren als Beobachter und Klartextredner, als Reflexionsfläche und Sparringpartner, als weisen Beistand und Zukunftsberater. Manche Kartenspiele erinnern noch heute an ihn.

Darin gibt es Joker-Karten mit der Abbildung eines Hofnarren. Solche Joker sind vielseitig einsetzbar und erhöhen, clever genutzt, die Gewinnchancen sehr. Sind Joker im Unternehmen aktiv, hinterfragen sie das Bestehende beharrlich und konsequent. Totschweigen geht für sie gar nicht. So bewahren sie C-Level-Leute vor dem Phänomen der Management-Isolation und den Echokammern im obersten Stock. Mit Adlerblick und Hartnäckigkeit sorgen Joker für notwendigen Wandel und innovatives Anderssein.

Unternehmen brauchen Change Maker so dringend wie nie

Mit ihrem queren Denken und Tun können sie all die unterstützen, die eher geradlinig handeln und Etabliertes favorisieren. Ihr Unternehmen braucht mehr Pepp, einen Blickwinkelwechsel, eine dritte, ganz besondere Meinung, mehr „Salz in der Suppe“, ein „Sahnehäubchen auf der Torte“, mehr „Ahs und Ohs“? Dann fordern Sie den hausinternen „Joker“ an! Viele im Unternehmen können ihn als Change Maker sehr gut gebrauchen, damit ihr Vorgehen außergewöhnlicher wird.

Veränderungsängstliche Kontinuitätsprotagonisten hingegen kann sich kein einziges Unternehmen noch länger leisten. Denn das, was im Markt bereits üblich ist, sorgt für Isomorphie: Alles gleicht sich immer mehr an. Das macht einen Anbieter nicht nur unattraktiv, sondern auch die Preise kaputt. Beides zusammen beschleunigt ein baldiges Aus. Will man sich aus diesem Teufelskreis lösen, braucht es ständig neue, gute Ideen – von Menschen, die außergewöhnliche Dinge denken und tun.

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Für die Ohren: eine gut gemachte Kurzrezension in 120 Sekunden

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