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Was Mitarbeiterführung mit Ampel und Kreisverkehr zu tun haben könnte

Sind Ihre Mitarbeiter Anweisungs-Abarbeitende, Nebeneinanderher-Arbeitende, Gegeneinander-Arbeitende oder Miteinander-Arbeitende? Im „Wildwasser“ unserer sich zunehmend rasch wandelnden Arbeitswelt gehört es zu den wichtigsten Aufgaben der Führung, Dezentralisierung und Selbstorganisation unternehmensweit zu fördern.

Die neue Workforce: tatsächlich Mitarbeiter – statt Abarbeiter

Dass Konfrontation, interner Massenwettbewerb, Einzelziele, Einzelboni, isolierte Silodenke und der dauernde Kampf um Ressourcen die besten Ergebnisse bringen, sind Kopfgeburten weltfremder Alphatierchen in den abgeschotteten Zentren der Macht. Genau das Gegenteil ist nämlich der Fall: Wissensarbeit kann nur durch Kollaboration reiche Früchte tragen.

Sich selbst steuernde Einheiten, bei denen abteilungsübergreifend (!) alle auf ein gemeinsames Ziel hinarbeiten, werden dazu gebraucht. Denn wie bitte soll Außergewöhnliches passieren, wenn stromlinienförmige Vorgänge-Abarbeiter und maultote Mitläufer das Unternehmen bevölkern?

Und wie kann Zukunftsweisendes gelingen, wenn alle immer nur abwartend nach Oben schauen, anstatt nach draußen zum Kunden und Markt? Wer ständig fremden Anweisungen folgt, verliert die Kompetenz für eigenständiges Tun. Außerdem machen Befehl und Gehorsam lustlos und schlapp.

Die Arbeitswissenschaft kennt diesen Zusammenhang längst: Beim sturen Abarbeiten bleibt alles im unmotivierten Sollen und Müssen. Selbstbestimmung hingegen verleiht den Menschen Flügel. Ein hohes Maß an Produktivität ist damit garantiert. Um 13 Prozent steigen, einer Untersuchung der Universität St. Gallen zufolge, die Umsätze der Unternehmen, die ihren Leuten mehr Freiheiten gewähren.

Verbale Aufgeschlossenheit bei anhaltender Verhaltensstarre

Der Chef als Ansager und Aufpasser ist längst ein Auslaufmodell. Gerade die jungen High Potentials erleben auf diese Weise, dass ihr Input nicht zählt. Und sie wandern in Scharen ab. Sie sind kompromisslos, wenn die Bereitschaft fehlt, sie konsequent einzubeziehen. Und sie wissen: Der Fortschritt ist auf ihrer Seite. So steigen sie nur mit denen ins Boot, die passende Rahmenbedingungen dafür schaffen.

Gib Menschen Spielraum, Sinn und Selbstwirksamkeit, und sie werden dich in Staunen versetzen: In meinen Workshops erlebe ich sowas ständig. Mit den Freiheitsgraden, die die zunehmende Selbstorganisation bringt, haben die meisten Mitarbeiter, nachdem sie, ganz wichtig, geschult wurden, sich einüben konnten und begleitet werden, gar keine Probleme. Probleme hat damit vor allem das Management.

„Die Mitarbeiter können das nicht“, hört man von denen. „Wir wollen das nicht“, müssten sie eigentlich sagen. Wenn sich nämlich die Leute selbst organisieren, bleibt im Management nur noch wenig zu tun. Doch niemand entsorgt sich gern selbst. Im Rahmen der GfWM-Studie „Der Ruf nach Freiheit“ gaben 39 Prozent der 2.550 Befragten zu Protokoll, dass ihre Führungskräfte Veränderungen generell blockieren. Schockierend!

Ja, ja, Wandelwille wird heftig bekundet, doch tatsächlich passiert viel zu oft viel zu wenig. Verbale Aufgeschlossenheit bei anhaltender Verhaltensstarre nenne ich das. Die Kernaufgabe eines Managers ist es, die Zukunftsfähigkeit seiner Firma zu sichern. Wer sich dem in den Weg stellt, hat dort nichts zu suchen. Punkt!

Die Geschichte von der Ampel und dem Kreisverkehr

Bevor wir uns in weiteren Beiträgen mit einer zeitgemäßen Mitarbeiterführung befassen: Betrachten wir zunächst eine Allegorie, und zwar die von der Ampel und dem Kreisverkehr. Sie stammt von Julian Wilson, einem der Mitgründer des britischen Flugzeugindustriezulieferers Matt Black Systems (MBS). Traditionelle Systeme, sagt er, sind wie Ampelsysteme, selbstorgansierte Unternehmen ähneln dem System eines Kreisverkehrs.

Die Ampel funktioniert nach dem Befehl- und Gehorsam-Prinzip. Sie ist zentral gesteuert, sie diszipliniert – und sie verursacht Stress durch „Stop and go“. Die Verkehrsteilnehmer sind dabei fremdbestimmt. Harte Strafen einer Kontrollinstanz sollen dafür sorgen, dass die Regeln eingehalten werden. Aber man verstößt dennoch dagegen. Das System austricksen, sich nur nicht erwischen lassen: für viele ein Sport.

Der Kreisverkehr hat zwar auch ein paar wenige Regeln, im Wesentlichen jedoch herrschen Autonomie und Selbstverantwortlichkeit. Die Interaktionen sind selbstorganisiert. Durch Kommunikation stimmen die Verkehrsteilnehmer sich untereinander ab. Aggressionen wie an einer Ampel gibt es nur selten. Alles fließt, ohne Stress und lange, nervige Staus. Denn ein Kreisverkehr erlaubt deutlich mehr Durchfluss als ein Ampelsystem.

Experimente zeigen zudem, dass die Wachsamkeit nachlässt, sobald man die Kontrolle einem System übergibt. So verursacht der Kreisverkehr erheblich weniger Unfälle als eine Ampelanlage und die Höhe der Unfallschäden ist sehr viel geringer. Zudem sind die Aufbau- und Betriebskosten eines Kreisverkehrs sehr viel weniger hoch. Ferner senkt er die Emissionen und schützt damit die Umwelt. Und, wenn ansprechend gestaltet, ist er sogar ein Augenschmaus. Regelverstöße hingegen gibt es nur selten.

Im Großstadtgetümmel sind Ampeln hie und da sicher die bessere Wahl, doch meistens sind sie es nicht. Viele Entscheidungen einer Ampel sind schlichtweg Blödsinn: Obwohl weit und breit kein Gegenverkehr ist, also ganz ohne Grund, zwingt sie die Autofahrer, für eine Weile anzuhalten. Alternativlos, weil sie die Macht dazu hat. Und alle paar Minuten ist der gesamte Verkehr für eine Weile blockiert, da alle Ampeln an der Kreuzung auf Rot sind.

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