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Über augenlose Würmer, Datenpakete und Humankapital

Also, ich kann gar nicht verstehen, wie man auf eine so absurde Idee kommen kann.“ „Mir würde sowas jedenfalls nicht gefallen.“ So tönt es von Führungskräften, wenn sie über ihre Leute reden.

Ja, ja, wir alle neigen gerne dazu, zu glauben, andere sähen die Welt ein wenig wie wir. Und sind dann immer wieder bass erstaunt, wie jemand eine so völlig andere Sicht haben kann.

Doch die Menschen sind alle verschieden. So, wie jedes Gesicht einzigartig ist, so ist auch das Gehirn bei jedem Individuum anders gebaut. Deswegen denkt, fühlt, handelt und entscheidet jeder Mensch auf seine einzigartige Weise. Und eben oft ganz anders als Sie.

Doch das ist okay, sogar eine Chance. Diversität erweitert nämlich den Blickwinkel. Und sie bereichert. Sie professionalisiert eine Gruppe. Und sie lässt ganz neue Kompositionen entstehen.

Die Menschen sind alle verschieden

Wie wird man aber zu dem, der man ist? Manches hat mit Erziehung zu tun, anderes mit der Kultur, die einen sozialisiert. Vor allem auch in der eigenen Verantwortung liegt so manches, was uns als Persönlichkeit ausmacht.

„Use it or lose it“, so funktioniert unser Gehirn. Was immer wieder gedacht und gemacht wird, bewirkt zerebrale „Trampelpfade“, die vorzugsweise begangen werden. So verfestigt sich Verhalten.

Schließlich, und das scheint der Hauptgrund zu sein, gibt es eine genetische Disposition. So sehen manche in jedem „Neu“ eine Verheißung. Andere sehen darin nicht Chance, sondern Gefahr.

Wir sind Marionetten unserer Biochemie

Derartige Grundeinstellungen werden im Wesentlichen durch Neurochemie dirigiert. Sie ist die übermächtige Mitgift einer jahrmillionenlangen Vergangenheit. Übrigens verändert sich im Laufe des Lebens die Struktur des Gehirns.

Dabei wird mit fortschreitendem Alter die Ausschüttung des aktivierenden Botenstoffs Dopamin dezimiert, wohingegen die Ausschüttung des Stresshormons Cortisol steigt. Dies alles sorgt dann für mehr Vorsicht, begünstigt Routinen und erweckt das, was wir beschaulich als Altersmilde erkennen.

Auch geschlechterspezifische Aspekte sind zu betrachten. So verstärkt das „weibliche“ Östrogen die Sozialmodule Fürsorge und Bindung. Das „männliche“ Testosteron hingegen ist mehr auf Eroberung aus. Dieser Hinweis sagt viel über das, was in den Teppichetagen passiert – und auch über die fehlende Weiblichkeit dort.

Menschen oder verschlagwortete Datenpakete?

In der einschlägigen Führungsliteratur gibt es die unterschiedlichsten Raster, nach denen die Mitarbeiter eingeteilt werden. So ist die längst überholte ABC-Kategorisierung leider noch immer sehr populär. Beim Vergleich mit Tieren (Adler, Ente & Co.) mag man schmunzeln. Andere sind weit weniger zimperlich.

So tauchen, meist in Zusammenhang mit Mitarbeiterbefragungen, neben den Leistungsträgern gern folgende Begriffe für Beschäftigte auf: Verweigerer, Verirrte, Bewohner, Gefangene, Mitläufer, Söldner, Verräter, Terroristen, Saboteure. Solche Begriffe sind nicht nur entwürdigend – sie sind auch gefährlich. Man sollte seine Worte besser etwas weiser wählen, denn Worte erzeugen Denke. Und Denke erzeugt Verhalten.

In manchen Unternehmen sind Mitarbeiter nichts als Datenpakete – und „heißen“ so: FX-RES-SHM-SAL-R3-BER oder MC-CEB-CUC-RCC-CH-ODM-1. Anderswo nennt man sie Untergebene, Kleinvieh oder – völlig entmenschlicht – Humankapital. Und in der Temporärindustrie spricht man abfällig von Bodyleasing.

Von „kleinen Würstchen“ kriegt man keine großen Leistungen

Ein besser nicht namentlich genannter Abteilungsleiter berichtete mir, dass sein Chef die versammelten Führungskräfte im Meeting schon mal als „augenlose Würmer“ bezeichnet. „So was Idiotisches habe ich lange nicht mehr gehört! Bin ich denn hier von lauter Deppen umgeben“, tobt ein anderer herum. „Und mit solchen Nieten muss ich mich abgeben“, klagt ein Dritter während der Vorstandssitzung.

So sehen die Reaktionen schwacher Chefs aus, die Angst um ihren Status haben und andere erniedrigen und fertigmachen müssen, damit ihre eigene Kleinheit nicht so auffällig ist. Doch wer seine Mitarbeiter zu „kleinen Würstchen“ macht, wird von ihnen nichts Großes erwarten können!

Und wer nicht loben kann, wird feststellen, dass es in seinem Bereich bald keine lobenswerten Leistungen mehr gibt. Das sollte doch ganz offensichtlich sein: Menschen verstärken Verhalten, für das sie Aufmerksamkeit, Anerkennung und Wertschätzung erhalten.

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