Oxytocin – der Botenstoff für Verbundenheit

oxytocinMenschen sind verbundenheitssüchtig. Der biochemische Auslöser dafür heißt Oxytocin. Das auch gerne „Kuschelhormon“ genannte Oxytocin erhöht unser Glücks- und Genusspotenzial. Es ist neurochemischer Balsam für unsere Seele, wirkt entspannend und auch gesundheitsfördernd.

Verstärkt hergestellt wird Oxytocin immer dann, wenn es zu einer Begegnung kommt, die feste Bindungen einleiten soll. Es macht Liebende unzertrennlich, bindet Eltern an ihre Kinder und schafft soziale Beziehungen. Und bei der Mitarbeiter- und Kundenloyalität hilft es wohl auch.

Menschen sind soziale Individuen

Menschen sind ihrem Wesen nach Netzwerk-Wesen, also sich sozial vernetzende Individuen. Unsere Hirne sind vor allem dafür gemacht, das Zusammenleben in einer Gruppe zu meistern. Die Akzeptanz einer schützenden Gemeinschaft ist für uns fundamental. Ausgestoßen zu sein, ist das Schlimmste, was uns passieren kann. Allein in der Wüste – der sichere Tod.

Die unglücklichsten Menschen sind diejenigen, von denen niemand etwas will, die nicht gefragt sind und nicht gebraucht werden. Ein geachtetes Mitglied einer Gruppe zu sein: Das gibt uns Sicherheit und Geborgenheit. Deshalb wirkt Mobbing vor allem auf Frauen so lebensbedrohlich.

Soziale Isolation ist eine der schlimmsten Strafen. „Du bist nicht allein“ ist wohl das Tröstlichste, was man einem Menschen sagen kann. Ächtung hingegen kann Schmerzen wie bei einer körperlichen Verletzung erzeugen, weil beides in der Insula verarbeitet wird. Deshalb weinen wir, wenn jemand, der uns wichtig ist, uns verlässt.

Das Web macht nicht einsam

Nichts braucht der Mensch so sehr wie andere Menschen. Und nichts kann diese Sucht derzeit besser stillen als das Internet. Denn zwei Dinge hat das Internet dem wahren Leben voraus: Wir können dort schneller Beziehungen knüpfen – und gleichzeitig viel mehr Menschen um uns scharen.

Dass das Web einsam macht, ist nur ein Gerücht. Genau das Gegenteil ist der Fall. Wenn die Welt immer komplexer wird, rücken wir automatisch näher zusammen. Social Networks sind dafür perfekt.

„Ohne Oxytocin könnten soziale Spezies nicht überleben“, betont der Psychologie-Professor Markus Heinrichs. Es fördert das Miteinander und erhöht die Bereitschaft, Vertrauen zu schenken. Es hilft, zu verzeihen, und kann sogar beschädigtes Vertrauen wieder heilen.

Oxytocin als Liquid Trust

Außerdem verstärkt Oxytocin das Wir-Gefühl und macht uns großzügig, hemmt den Aggressionstrieb und lässt Stress nur so dahinschmelzen. Es macht uns auch empathisch. Denn es hilft, den Blick für die Gemütslage anderer zu schärfen. Es fungiert als Vermittler und verbindet Sozialkontakte mit einem guten Gefühl.

Unter seinem Einfluss wird das Angstzentrum heruntergefahren. Und in Zusammenarbeit mit Dopamin sorgt es dafür, dass lohnendes Verhalten wiederholenswert erscheint. Die Andockstellen für Oxytocin befinden sich nämlich in den Belohnungsarealen des Gehirns.

Diese werden über die Nase sehr gut erreicht, weshalb man Oxytocin auch als Nasenspray einsetzen kann, um entsprechende Effekte auszulösen. „Liquid Trust“ wird dieses genannt. Es sollte allerdings nur unter medizinischer Aussicht gegeben werden. Per Luftzersteuber funktioniert es übrigens nicht.

Oxytocin ist wie Streicheln

Allein nachteilig ist: Oxytocin hemmt den Bereich im Gehirn, der für soziale Vorsicht zuständig ist. Deswegen fallen wir auch so leicht auf Schwindler herein, die die Maske der vertrauenswürdigen Nettigkeit tragen. Männer werden dabei oft von Gier, Frauen eher von Fürsorge geleitet. Da bei Frauen die Oxytocin-Ausschüttung höher ist, sind bei ihnen auch Gutmütigkeit und Treuepotenzial höher.

Jede Berührung könnte mit Oxytocin in Zusammenhang stehen, wodurch selbst Fremde Vertrauen gewinnen. Verschiedene Studien haben zum Beispiel gezeigt, dass wir Menschen sympathischer finden, wenn sie uns flüchtig am Unterarm berühren. Kellnerinnen bekamen daraufhin sogar mehr Trinkgeld, männliche Servicekräfte allerdings nicht.

Ob wir einen Fremden tatsächlich anfassen, will jedenfalls gut überlegt sein, denn der Schuss kann sehr schnell nach hinten losgehen. Das Bedürfnis, berührt zu werden, ist nämlich bei den Menschen sehr unterschiedlich ausgeprägt. Und wenn eine Berührung von Berufs wegen nötig ist? Vorhaben ankündigen und um Erlaubnis fragen.

Nähe ist ein Erfolgsrezept

Menschliche Nähe ist definitiv ein Erfolgsrezept. Deshalb arbeiten in erfolgreichen Internetfirmen auch alle so nah beieinander. In Old-School-Unternehmen hingegen sitzt man in Einzelbüros und die Führungsspitze weit weg vom „Fußvolk“ – ein Wir-Gefühl kann so nicht entstehen.

„Personen, die durch ihre Zuwendung, durch ihre Anerkennung oder Liebe unsere Oxytocin-Produktion stimuliert haben, werden zusammen mit der Erinnerung an die mit ihnen erlebten guten Gefühle in den Emotionszentren unseres Gehirns abgespeichert“, erläutert der Neurobiologe Joachim Bauer.

Deshalb freuen wir uns, wenn wir gute Freunde und angenehme Kunden sehen – und diese freuen sich auf uns. Und deshalb gehen wir für favorisierte Anbieter und unsere Lieblingsmarken durchs Feuer. Den ungeliebten hingegen laufen wir davon.

Denkt man das Ganze betriebswirtschaftlich weiter, dann sollte das Wegrationalisieren von zwischenmenschlichen Beziehungen endlich ein Ende haben. Vielmehr müssten Unternehmen alles daransetzen, ein intensives, vertrauensvolles und freundschaftliches Offline- und Online-Miteinander zu ihren Kunden aufzubauen.

Und sie müssten das Pflegen der Stammkunden in den Vordergrund rücken. Die Kunden werden dies nämlich mit Treue belohnen. Und im Internet erzählen sie der ganzen Welt von ihrem Glück.

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