Gastbeitrag von Ingeborg Rauchberger: Schlagfertig war gestern!

Schlagfertigkeit an sich ist ja weder gut noch böse. Sie kann, wenn klug gemacht, verfahrene Situationen entspannen, für allgemeine Heiterkeit sorgen und Anlass für Bewunderung sein. Sie kann aber auch jeden Goodwill zerstören. Dann nämlich, wenn Schlagfertigkeit tatsächlich Schläge austeilt, wenn sie es an Weitblick mangeln lässt oder der Intention von Siegen und Besiegen entspringt.

Beispiel gefällig? Sagt der Gesprächspartner bei einer Telefonakquise, er hätte gerne Unterlagen, wird von Trainern, die manche für Gurus halten, folgende Antwort empfohlen: „Ich will doch mit Ihnen keine Brieffreundschaft.“ Auf Papier oder im Seminar kommen derlei Sprüche vielleicht noch vermeintlich lustig an, doch im wahren Leben kann als sicher gelten: Solche Siege rächen sich. Oder was täten Sie als potenzieller Kunde, wenn Sie am Telefon so angebellt werden?

Wie man in heiklen Situationen vorgehen kann, ohne zu zerstören, darüber hat Ingeborg Rauchberger ein lesenswertes Buch geschrieben: Hier in meinem Blog verrät sie uns zwei Erfolgsrezepte daraus.

Schlagfertig war gestern

„Worum geht es bei einer Verhandlung? Darum, dass wir ein Ergebnis erzielen, mit dem wir zufrieden sind und darum, dass die Beziehung zu allen Anwesenden zumindest gleich gut bleibt. Es geht nicht darum, wer der Originellere ist. Und schon gar nicht darum, wer den anderen durch Schlagfertigkeit klein kriegt oder „sprachmatt“ setzt, wie uns diverse Ratgeber weismachen wollen.

Im Vertrauen auf die knackigen Ratschläge mancher Schlagfertigkeitsexperten reden sich viele um Kopf und Kragen. Andere wiederum wagen es nicht den Mund aufzumachen, weil sie fürchten, bei Wortgefechten nicht mithalten zu können. Beides finde ich schade. Es gibt elegantere Mittel um, ohne verbale Schlagabtausche, erfolgreich zu sein. Zwei davon möchte ich hier vorstellen.

Die bewusst nonverbale Reaktion

Stellen Sie sich vor, es ist 17 Uhr, Sie wollen das Büro verlassen und ein Kollege fragt: „Arbeitest du neuerdings Teilzeit?“

Wie verhalten wir uns am besten, wenn uns ein anderer mit Sticheleien oder dummen Sprüchen provozieren will? Sollen wir ihn ignorieren? Dann bestünde die Gefahr, dass er sich entweder bestätigt fühlt oder, dass er nicht locker lässt. Sollen wir uns also ärgern? Provozieren lassen? Ganz sicher nicht. Und rechtfertigen brauchen wir uns schon gar nicht. Fragen wir uns zuerst: Was macht gute Kommunikation aus?

1. Wir erreichen ein Ergebnis, mit dem möglich alle zufrieden sind.
2. Die Beziehung bleibt zumindest gleich gut.
3. Wir führen die Verhandlung effizient entlang eines roten Fadens zum Ziel.

All das würden wir in unserem Beispiel mit reden nicht erreichen. Im Gegenteil: Die Gefahr wäre groß, dass Ihnen der Kragen platzt und Sie zum Gegenangriff übergehen.

Darum empfehle ich die bewusst nonverbale Reaktion. Wie man ohne Worte reagiert? Durch Blicke oder Gesten. Unbewusst reagieren wir laufend nonverbal. Wir erröten, runzeln die Stirn, bekommen große Augen oder zucken mit den Schultern. Das können wir auch ganz bewusst einzusetzen.

Einer meiner Lieblingsblicke? Den anderen anzusehen, als wäre er der Ritter auf dem weißen Pferd, also der Held, der die Prinzessin aus dem Turm rettet. Psychologen nennen solch ein Vorgehen paradoxe Intervention. Der andere rechnet mit Stirnrunzeln, Verunsicherung oder Ärger. Wird er stattdessen wie ein Superheld angelächelt, so ist er verwirrt. Das gibt uns die Möglichkeit ihn hoch erhobenen Hauptes stehen zu lassen, oder, wenn es mitten im Gespräch geschieht, gekonnt den roten Faden wieder aufzunehmen.

Weitere Beispiele: der strenge Scharfrichterblick – sehr gut über die Brillenränder, Augenbrauen heben oder beide Backen aufblasen. Das Gesicht schmerzverzerrt verziehen und die Luft durch zusammengebissene Zähne einsaugen hilft bei Ihrer nächsten Preisverhandlung, sobald der andere sagt, das sei sein letztes Angebot.

Das Geheimnis der zwei Silben

Als Österreich vor vielen Jahren einen neuen Bundeskanzler bekam, entließ der bald darauf einen Minister. Der ORF wartete vor der Bürotür. „Ihr Vorgänger sagte, der Minister sei der beste, den Österreich je hatte!“ Der Bundeskanzler schaute ernst, nickte und sagte bedeutungsschwer: „Ja!“ Der Reporter hatte mit Widerspruch gerechnet oder mit einer Rechtfertigung. Nach dem schlichten „Ja!“ starrte er ratlos in die Kamera, während der Bundeskanzler seines Weges ging.

Als meine Kinder klein waren habe ich immer wieder gehört: „Eine Mutter gehört nach Hause zu ihren Kindern!“ Einmal sagte es der Aushilfsbriefträger. Hätte ich mich rechtfertigen müssen? Wären wir dann beide mit dem Ergebnis zufrieden gewesen wären und hätten unsere Beziehung verbessert? Sicher nicht. Also machte ich es wie der Bundeskanzler, habe ernsthaft genickt, „Ja!“ gesagt und bin meines Weges gegangen.

Ich rate Ihnen natürlich nicht, immer „Ja!“ zu antworten! Suchen Sie sich stattdessen zwei Silben: „Aha!“, „So so!“, „Ach was!“, „Interessant!“, „Sieh an!“. Sprechen Sie den Namen Ihres Gegenübers aus: „Herr Meier!“ oder „Marianne!“. Natürlich sind auch drei Silben möglich, wie „Na so was!“ oder mein Lieblingswort „Sapperlot!“.

Jeden Sonntag hat Bettina denselben Streit mit Ihrer Schwiegermutter: Als Vegetarianerin kochte sie Gemüse-Getreidegerichte. Die Schwiegermutter will am Tag des Herrn Fleisch auf den Tisch. Geduldig erklärte Bettina ihre Einstellung. Besteht bei diesem Gespräch, das die beiden Frauen jeden Sonntag führen, irgendwann die Chance, dass sie sich einigen? Verbessert das die Beziehung zueinander? Ich habe Bettina geraten, sich zwei Silben auszusuchen. Seitdem hat sich das Verhältnis schon etwas verbessert.“

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