Erstrebenswert – oder nicht? Wohin uns die fortschreitende Digitalökonomie führt

DigitalisierungWährend die Old Economy umständlich plant und endlos über Budgets debattiert, rennt die Gründergeneration einfach mal los. Natürlich ist es da besser, nicht Anzug und Rahmengenähte, sondern T-Shirt und Turnschuhe zu tragen. Denn Schnelligkeit ist heute ein Muss.

„Done is better than perfect”, sagt Facebook-Gründer Mark Zuckerberg. Wer jedoch Sicherheit will, wird den Schritt-für-Schritt-Modus traditioneller Anbieter wählen: Hier noch ein paar PS, da etwas mehr Design, dort ein neues Feature, und dann das Zeugs billig in den Markt gehauen, um es der Konkurrenz mal so richtig zu zeigen.

Bei Produkten genauso: etwas mehr Inhalt, die Verpackung größer, die Flasche griffiger, das Etikett bunter, Aktionspreis, alles muss raus! Linear heißt: mehr vom Gleichen – aber auch mehr vom Falschen – und von zunehmender Belanglosigkeit. Disruptiv hingegen ist der Sprung durch die Feuerwand der Unsicherheit.

Die Digitalisierung ist zunehmend schneller als wir

Der Eindruck, dass alles Neue in einem noch nie gesehenen Tempo passiert, täuscht übrigens nicht. Digitaler Fortschritt verläuft nie so beschaulich wie der ruckelnde Fortschrittsbalken an Ihrem PC. Doch Fortschritt stoppen? Ein Widerspruch in sich. Es gehört zum Wesen einer exponentiellen Entwicklung, dass man zunächst gar nicht realisiert, was da abgeht.

Biologische Generationen, wie wir sie kennen, entwickeln sich relativ langsam, so dass sie sich an die jeweils neue Umgebung anpassen können. Jede technologische Verbesserung hingegen führt dazu, dass die nächste technologische Verbesserung schneller erreicht werden kann. Von zunehmend zunehmender, sich gegenseitig beschleunigender Dynamik kann man da sprechen.

Und sobald sich eine Technologie dafür einsetzen lässt, das Leben der Menschen zu verbessern oder sie von Leid zu befreien, wird diese postwendend in Anspruch genommen. Darin sind wir schon allein deshalb so unglaublich schnell, weil es uns einen evolutionären Vorteil verspricht.

Science Fiction wird vor unseren Augen zur Realität

Bislang haben uns Maschinen Arbeit abgenommen, die schmutzig oder gefährlich war. Auch monotone und vergleichsweise simple Aufgaben haben sie für uns erledigt. Doch nun werden Computer intelligent. Selbstlernend können sie sich eigenständig verbessern. Und zu Gruppen zusammengeschlossen entwickeln sie sogar Schwarmintelligenz.

Das Resultat dieser Entwicklung? Digitale Einheiten, die Bits, werden sich mit den Grundbausteinen der physischen Welt, den Atomen, Neuronen und Genen, immer weiter verknüpfen. Mensch und Maschine leben fortan nicht nur in Symbiosen, wie etwa mit einem Exoskelett, sie werden sich miteinander vereinen.

Folgt man dem Moore’schen Gesetz (Gordon Moore war Mitbegründer der Firma Intel), das eigentlich nur eine Faustregel ist, ergibt sich eine Verdopplung der Integrationsdichte etwa alle anderthalb bis zwei Jahre. So werden wir in den nächsten Dekaden technologische Sprünge sehen, die alles bisher Erlebte in den Schatten stellen. Es werden Dinge möglich sein, die wir aus Science Fiction-Filmen zwar kennen, die aber im wahren Leben noch gar nicht vorstellbar sind. Und sie werden nicht erst in 100 Jahren kommen, sondern in 10 oder 20.

Menschliche und künstliche Intelligenz werden verschmelzen

Den Zeitpunkt der technologischen Singularität hat der umstrittene Futurologe und Transhumanist Ray Kurzweil, seit 2012 Director of Engineering bei Google, auf 2045 vorausberechnet. Andere legen ihn inzwischen auf 2039. Dies sei das Datum, zu dem Maschinen mittels künstlicher Intelligenz (KI) den technologischen Fortschritt derart beschleunigen könnten, dass die Zukunft der Menschheit nicht mehr vorhersehbar sei, weil es sie auf eine nächste Zivilisationsstufe katapultiert.

Blauäugiger Optimismus ist dabei sicher nicht angebracht, doch eine Apokalypse sollte auch nicht gleich herbeigeredet werden. Denn folgt man modernen Historikern wie etwa Steven Pinker in seinem Opus “The Better Angels of Our Nature”, dann ist die Menschheit im Laufe der Jahrtausende immer friedvoller geworden. In Vorzeiten starb zum Beispiel jeder zweite Mann eines unnatürlichen Todes.

Hoffnung in die Zukunft ist also realistisch, und an das Gute als Langzeit-Regulativ zu glauben, durchaus berechtigt. Gleichwohl ist „eine naive Technikglorifizierung ohne Humanorientierung und ohne gesellschaftliche Verantwortung eine ernste Gefahr“, so der Digital-Vordenker Winfried Felser, Betreiber der Competence Site. Eine humanistische Informationstechnologie wird also gebraucht.

An der Digitalisierung kommt wirklich niemand vorbei

Um die Dimensionen dessen, was auf uns zukommt, deutlich zu machen, zieht Kurzweil gern die Geschichte mit dem Schachbrett und den Reiskörnern heran. Angeblich wünschte sich der Erfinder dieses “königlichen” Spiels zur Belohnung, auf das jeweils nächste Feld möge man ihm doppelt so viele Reiskörner legen wie auf das vorherige, also eins, zwei, vier, acht und so weiter. Demnach wären wir jetzt auf der zweiten Hälfte des Bretts unterwegs. Und – ist das nun gut oder schlecht?

„Das Erschaffen von künstlicher Intelligenz wäre nichts anderes als das größte Ereignis der Menschheitsgeschichte. Ebenso könnte es auch das ultimativ letzte sein, sofern wir nicht lernen, die Risiken zu berücksichtigen“, sagte der Astrophysiker Stephen W. Hawking auf einem Google-Zeitgeist-Event.

Wie dem auch sei, wir stecken mittendrin im digitalen Abenteuer. Und niemand kann heute noch sagen, er hätte das nicht gewusst. Denn das Web stellt alles Wissen der Welt offen bereit. Es macht uns quasi allwissend. Und die digitalen Kolosse wie etwa Apple, Google, Facebook und Amazon – neuerdings A.G.F.A., die „Großen vier des Internets“ genannt – kommen laut genug polternd daher.

„Too big to fail“, also zu groß, um auf der Strecke zu bleiben, gilt schon lange nicht mehr. Ganz im Gegenteil: Die Grabsteine derer, die der Markt bestrafte, weil sie in ihrem nichtdigitalen Dinosaurierstatus verharrten, tragen ehrwürdige Namen. Agfa, ein Hersteller fotografischer Produkte, ist übrigens auch mit dabei.

(Dies sind übrigens Passagen aus meinem neuen Buch Touch.Point.Sieg. Kommunikation in Zeiten der digitalen Transformation.)

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