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Die Digitalisierung wird alles verändern! Ist das nun gut oder schlecht?


Die Digitalisierung verändert den Globus, die Gesellschaft, unser Leben, unsere Arbeit und auch die Art, wie wir miteinander kommunizieren. Unumkehrbar. Für alle. Und für immer. Doch ist das nun gut oder schlecht?

Empörungswillige Kulturpessimisten führen uns bei jedem Fortschritt die vermeintlich schlimmen Folgen für die Menschheit vor Augen. So haben zu der Zeit, als Prometheus – gegen den Willen der Götter – den Menschen das Feuer brachte, sicher Scharen von Schwarzsehern vor den Gefahren gewarnt. Mit Feuer lassen sich ja in der Tat mächtige Kräfte entfachen. Doch wir haben uns vor allem die Vorteile zunutze gemacht.

Seitdem wurde vieles als Teufelswerk deklariert. Bibliotheken wurden vernichtet und Genies auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Als die Eisenbahn erfunden wurde, sagte das Bayerische Obermedizinalkollegium in einem Gutachten voraus, die schnelle Bewegung müsse „bei den Reisenden unfehlbar eine Gehirnkrankheit, eine besondere Art des delirium furiosum, erzeugen.“

Es gab auch eine Elterngeneration, die glaubte, an den rotierenden Hüften von Elvis ginge die Jugend moralisch zugrunde. Ein paar Jahre später meinte sie, der Haarschnitt der Pilzköpfe aus Liverpool stelle eine existenzielle Bedrohung für ihren vielversprechenden Nachwuchs dar. Heute können wir ob solcher Gedanken nur lächeln.

Das Neue ist am Ende meist gar nicht so schlimm

Schon immer wurde jeder zwangsläufig mit Fortschritt verbundene Wertewandel auch als Werteverfall deklariert. So haben Digitalphobiker nicht nur die digitale Demenz erfunden, sie sagen ganz hollywoodtesk sogar das Ende der Menschheit durch Maschinen voraus.

Dabei macht sich unser Denkapparat gerade fit für die Zukunft, denn für sie werden neue Fähigkeiten dringend gebraucht. So sind Programmierkenntnisse zukünftig hilfreich, um sich in den Weiten von Bits und Bytes intuitiv zu bewegen. „Eine Karriere ohne Grundverständnis von C++ wird es 2030 ebenso wenig geben wie heute eine Karriere ohne Englisch“, schreibt der Journalist Christoph Keese in seinem Buch “Silicon Valley”.

Schöngeistige Worte und lange Gedichte sind wirklich was Feines, doch in der digitalen Welt ist vor allem Schnelligkeit wichtig. Kürzelcodes wie tl,dr (too long, didn’t read), Emoticons und Emojis sind geradezu symptomatisch dafür. Denn mit dem Leben der Menschen verändern sich auch deren Sprache und Schrift. Oder können Sie etwa noch Sütterlin? Diese Normschrift wurde 1915 eingeführt und schon 1941 wieder verboten.

Schulbehörden, bitte ganz dringend so einiges ändern!

Wenn es um Wissen geht, braucht man heutzutage nicht mehr alles im Kopf zu haben. Vielmehr muss man gut darin sein, es ruckzuck zu finden. Wenn ich mit meinen drei Neffen rede, sie sind zwischen Mitte und Ende 20, geht bei jeder Frage deren Hand schon reflexhaft zum Handy. Da, wo alle erdenklichen Informationen in Bruchteilen von Sekunden verfügbar sind, können Nervenbahnen fürs Auswendiglernen also getrost zurückgebaut werden. Kann das mal bitte jemand den Schulbehörden vermitteln!

Unser gegenwärtiges Bildungssystem ist ja leider noch immer darauf ausgelegt, gehorsame Abarbeiter zu erschaffen. Dabei werden in Zukunft vor allem Menschen gebraucht, die die Fähigkeit haben, sich ständig und selbständig zu optimieren – und die dies natürlich auch wollen.

„Use it or loose it“, so heißt das Optimierungsprinzip des Gehirns. Als die Menschen sesshaft wurden, war es ganz ähnlich. Die Fähigkeit, im finsteren Wald zu überleben und auf unstetes Jagdglück zu hoffen, verkümmerte kläglich. Sicher haben damals Berufspessimisten vor dem kollektiven Verhungern gewarnt, aber überlebt haben wir trotzdem. Durch Sesshaftigkeit wurde Zivilisation überhaupt erst ermöglicht.

„Die Steinzeit ist nicht zu Ende gegangen, weil den Menschen die Steine ausgingen“, erläutern die Archäologen, „sondern weil sie sich neuen Technologien zuwandten.“ Sobald eine Technologie dabei hilft, das Leben der Leute zu optimieren, wird diese postwendend in Anspruch genommen. Darin sind wir schon allein deshalb so unglaublich schnell, weil es uns einen evolutionären Vorteil verspricht.

Wird das Gute oder das Böse letztlich die Oberhand haben?

Wird die Digitalisierung die Dinge also besser oder schlechter machen? Technologie an sich ist, so wie Macht, weder gut noch schlecht. Entscheidend ist vielmehr, wer sie in die Finger bekommt, und was er/sie daraus dann macht. Schon längst gibt es ein „Darkweb“, wo das Böse sein Unwesen treibt. Doch da, wo sich der Rest der Welt tummelt, hat das Positive die Nase weit vorn.

Eine Untersuchung von Disqus, eine der meistgenutzten Kommentarplattformen im Web, hat ergeben, dass nur etwa zehn Prozent der dort gemachten Äußerungen negativ sind. Warum das so ist? „In Netzwerken ist es intelligent, nett zu sein“, meint der Medienphilosoph Norbert Bolz. Denn sie verstärken, was in sie eingespeist wird. Und sie intensivieren die Persönlichkeit von Mensch und Unternehmen.

Jeder Marktplatz, egal ob online oder real, bedeutet Öffentlichkeit. Und Gemeinschaft erzeugt immer sozialen Druck. Dies wiederum zwingt zu fairem Verhalten. Nicht mal hinter verschlossenen Türen kann man heute noch die Sau rauslassen. Denn verschlossene Türen gibt es in einer Netzwerkgesellschaft nicht mehr.

Der Panamapapers-Skandal zeigt gerade wieder mal deutlich: Irgendjemand schaut immer durchs Schlüsselloch. Und wenn sein Gewissen zu sehr rebelliert, erzählt er der ganzen Welt, was er dort sieht. Reputationsinformationen sind deshalb die Währung im Web. Mit denen, die schlechte Bewertungen haben, will keiner gute Geschäfte machen. So wird am Ende auch das Böse eingedämmt.

Auf Dauer werden die Beschützer und nicht die Zerstörer gewinnen

„Das größte Geschäftsmodell der Zukunft ist die Rettung der Welt“, zitiert Trendforscher Sven Gábor Jánszky einen seiner Kongressteilnehmer. So werden auf Dauer wohl die Beschützer und nicht die Zerstörer gewinnen. Auch wenn man durch die Kurzzeitbrille betrachtet nicht immer diesen Eindruck gewinnt: Die Menschheit ist im Laufe der Jahrtausende immer friedvoller geworden.

So können wir insgesamt betrachtet wohl optimistisch sein. Zwar lebt jede Gruppe ein „Wir hier gegen die da“-Prinzip. Der Feind hockte schon immer jenseits des Zauns, der Mauern, des Flusses, der Ländergrenzen, eben im „Aus“-Land. Durch das Web jedoch rücken die Menschen zusammen.

Ein „One world“-Feeling liegt in der Luft. Das Wort „social“ drückt dies wohl am treffendsten aus. Es symbolisiert Solidarität, Gemeinschaft und Rechtschaffenheit – über alle geographischen und kulturellen Grenzen hinweg. Durch Verbindungen lassen sich Feindschaften verhindern – und über Ähnlichkeiten Gegensätze entschärfen.

Wer die gleichen Klamotten trägt, die gleichen Marken liebt, die gleichen Computerspiele spielt und die gleiche Sprache, nämlich die Websprache Englisch spricht, der ist für uns kein „Wildfremder“ mehr. Nur Kluften schaffen Konflikte. Kommunikation, Partizipation und Gleichrangigkeit haben schon immer für sozialen Frieden gesorgt.

(Dies sind übrigens Passagen aus meinem neuen Buch Touch.Point.Sieg. Kommunikation in Zeiten der digitalen Transformation [1].)

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